Das Meter und die Französische Revolution


Was fällt einem zuerst ein, wenn man an Paris denkt? Klar, der Eiffelturm und der Louvre. Ja, meinetwegen auch l‘amour. Aber woran denkt der Kartograph? Richtig! In Paris wurde das Meter erfunden, zusammen mit dem metrischen System für alle Maßeinheiten. Von diesen ist für den Kartographen das Meter das interessanteste. Seine Festlegung ist eine abenteuerliche, ja geradezu bizarre Geschichte.                           

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Abbildung 1: Eine Kopie des Urmeters in Paris.

Im Europa des 18. Jahrhunderts herrschte eine schier unübersehbare Vielfalt an Maßen und Gewichten. Allein in Frankreich gab es geschätzte 25000 unterschiedliche Maß- und Gewichtseinheiten. Jeder Bezirk, ja fast jede Stadt hatte ihr eigenes Maßsystem. Die örtlichen Beamten waren verpflichtet, die jeweiligen lokalen Referenzmaße vorzuhalten. Soweit möglich waren sie an der örtlichen Rathauswand befestigt. Hohlmaße waren meist in dem Kloster untergebracht, dem der regionale Weinberg gehörte. Auch das neu festgelegte Meter wurde zuerst an Wänden angebracht. In Paris, in der Rue de Vaugirard, hat sich noch ein Exemplar erhalten (siehe Abbildung 1). Diese Vielfalt an Maßen und Gewichten erschwerte natürlich Handel und Verwaltung. Wissenschaftliche Ergebnisse waren schwer vergleichbar.

Schon vor der Revolution hatte es Bemühungen gegeben die Hoheit über Maße und Gewichte in eine Hand zu legen. Diese Bemühungen waren aber durchweg gescheitert. Ein Zeichen für die Reformunfähigkeit des alten Systems.

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Abbildung 2: Uhr mit Dezimaleinteilung.

Die  Französische Revolution von 1798 gehört zu den folgenreichsten Ereignissen der europäischen Geschichte. Die Erhebung der städtischen Bevölkerung und die Bauernrevolten fegten das verhasste reformunfähige Ständesystem hinweg. Adel und Klerus verloren ihre Privilegien und ihre Repräsentanten oft auch ihr Leben. Es entstand ein gesellschaftlicher Freiraum. Auf einmal war Vieles möglich. Das war eine günstige Situation für die Durchführung radikaler Reformen. Auf Drängen der Gelehrten beauftragte die Nationalversammlung die Akademie der Wissenschaften ein einheitliches Maßsystem zu schaffen. Darüber hinaus wurde festgelegt, dass die Dezimalteilung als einzige arithmetische Skala für alle Maßeinheiten zu gelten habe. Im revolutionären Taumel wurden auch der Kalender und die Uhrzeit dezimalisiert. Eine Woche sollte aus zehn Tagen bestehen. Die  Abbildung 2 zeigt eine Dezimaluhr aus der Revolutionszeit. Diese Uhr teilt den Tag in 10 Stunden, eine Stunde hatte 100 Minuten, die Minute 100 Sekunden. Der Vollkreis wurde in 400 Neugrad (Gon) eingeteilt. Die dezimalen Zeitskalen haben sich nicht durchgesetzt. Die Tatsache, dass nur alle 10 Tage Sonntag sein sollte machte die Sache nicht sympathisch. Das Gon wird noch im Vermessungswesen eingesetzt, hat aber die 360°-Einteilung nicht verdrängt.

Für die Definition des Meters gab es mehrere Ansätze. Der Vorschlag, der letztendlich konstruktiv in Angriff genommen wurde, war, das Meter als den 10-millionsten Teil der Meridianlänge vom Nordpol über Paris zum Äquator zu definieren. Damit war die Hoffnung verbunden, dass ein von der Erde abgeleitetes Maß leichter die Akzeptanz der gesamten Welt erlangen würde. Konkret wurden die beiden Astronomen Delambre und Mèchain beauftragt die  Länge des Meridianbogens von Dünkirchen nach Barcelona zu vermessen. Zusammen mit den Breitengraden dieser beiden Orte kann dann die Gesamtlänge vom Nordpol bis zum Äquator extrapoliert werden. Es wäre zwar ein „französisch/spanischer“ Meridian, aber er bot die besten geographischen Randbedingungen. (Die besten politischen Randbedingungen bot er nicht.)  Das Vermessungsabenteuer sollte sieben Jahre in Anspruch nehmen.

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Abbildung 3: Die Vermessung
des Meridianabschnitts.

Es war die Zeit, in der sich Frankreich mit Spanien im Krieg befand, in der preußische und österreichische Truppen vor Paris standen. Der Konflikt mit Spanien brach gerade aus, als Mèchain Vermessungsarbeiten in Barcelona ausführte. Begreiflicherweise war man nicht bereit einen Franzosen in der Nähe von militärischen Anlagen Messarbeiten durchführen zu lassen. Mèchain wurde interniert.

Kirchtürme boten sich als Peilmarken für die Triangulation an. Aber gerade diese wurden im Zuge der Säkularisierung geschleift. Manchmal hatte Delambre Glück und konnte seine Messung kurz vor dem Abriss vollziehen, meist aber kam er zu spät. Wenn er Signalmaste errichten ließ, wurden diese oft von Einheimischen zerstört, die Zauberei oder geheime Nachrichtenübermittlung an den Feind vermuteten. Gelegentlich fanden die Messungen in Sichtweite des Schlachtgetümmels statt, und man war gehalten sich zu beeilen, wenn die Einschläge näher kamen …

Bei der Breitenbestimmung von Barcelona hatte Mèchain einen Ausreißer in seinen Messwerten, den er sich bis zum Schluss nicht erklären konnte. Mèchain neigte von Natur aus zu Depressionen. Kein Wunder, dass ihm dieses Artefakt das Leben zur Hölle machte, sich in seine Träume einschlich und der Grund war, dass sich Mèchain lange nicht nach Paris zurück traute und die Veröffentlichung seiner Ergebnisse immer wieder hinausschob.

Was hatte dieses Vermessungsabenteuer nun gebracht? Zweifelsohne ein gut erfasstes Stück Frankreich nach Spanien hinein.

Vergleichsmessungen aus Peru und Lappland hatten gezeigt, dass die Erde keine Kugel, kein Ellipsoid, sondern eine Kartoffel ist. Also waren nicht alle Meridiane gleich. Der Anspruch, das Meter aus der Erdgestalt abzuleiten, war eine Illusion.

Üblicherweise gab man Maßgenauigkeit von einer Größenordnung an, welche die Apparatur einfach nicht hergab. Es war bloße Angeberei. Ausreißer wurden oft einfach unterdrückt. (Nicht so Mèchain.) Quasi ein Nebenprodukt der Definition des Meters ist die Geburt der Statistik – geboren aus der Einsicht, dass abweichende Messergebnisse nicht unter den Teppich gekehrt, sondern in die Auswertung einbezogen werden müssen. Es entstand die Wissenschaft vom Fehler.

Trotz des niederschmetternden Fazits der Expedition war das nun einmal festgelegte Meter als Standard in Platin gegossen und musste unter das Volk gebracht werden. Zehntausende von Pamphleten in Form von Plakaten, Spielkarten, Piktogrammen für Analphabeten und Umrechnungstabellen wurden verfasst. Nach guter alter Tradition goss man das Meter in Marmor und pinnte es an Häuserwände (Abbildung 1).  Im Rahmen einer hektischen Massenproduktion wurden Kopien des Platinstandards hergestellt. Aber man beließ es nicht bei Werbung für das Meter, es wurde auch Druck ausgeübt. Verdeckte Ermittler spürten Händler auf, die noch nach Elle und Aune maßen und schleppten sie vor den Richter. Das Ganze entwickelte sich zu einem zähen Kleinkrieg zwischen Behörden und Bürgern.

Fassungslos nahmen die Gelehrten den Widerstand der Bevölkerung zur Kenntnis. Waren doch die Vorteile dieses schönen, von der Natur abgeleiteten und in sich logischen Maßsystems offensichtlich.

Ken Alder schreibt: „Frankreich was das erste Land, dass das metrische System einführte, und das erste, dass es wieder abschaffte.“

Im Jahre 1806 verschwand der Revolutionskalender. Napoleon, einst an der Spitze der metrischen Bewegung stehend, tolerierte die Rückkehr zu den alten Längenmaßen. Die Umstellung seiner militärtechnischen Unterlagen war ihm dann doch zu aufwendig.

Ironischerweise waren es die von Frankreich besetzten Länder, die dem metrischen System zum Durchbruch verhalfen. War auch die Besatzungsmacht Frankreich verhasst, war man doch bereit die Vorteile einer zentralisierten Verwaltung in Einheit mit dem metrischen System zu übernehmen. Um das Jahr 1816 führten Holland, Belgien und Luxemburg das metrische System ein, und im Jahr 1840 war nun auch Frankreich bereit, sein Kind wieder in den Schoß der Familie aufzunehmen.

Aktuell sind es nur die Vereinigten Staaten und Myanmar, die das metrische System nicht übernommen haben. Die Maße von Monitoren werden aber nach wie vor in Zoll angegeben. Ob sich an dieser Situation zukünftig noch etwas ändert, ist ungewiss. Die USA sind immerhin (noch) die führende Wirtschaftsmacht.

Beim Nachdenken über diese Problematik stellt sich für mich die stille Frage: „Ist ein demokratisches System, im Wesentlichen mit sich selbst im reinen, überhaupt zu einer grundlegenden Reform fähig?“ Eine solche Reform bedeutet ja immer erst einen Rückschritt, eine Unbequemlichkeit. Man denke nur an die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996. Im Endergebnis haben Verlage und Zeitschriften ihre eigene „Hausorthographie“. Ja, manche Zeitschriften sind regelrecht stolz, sich der Reform zu verweigern. Man hat den Eindruck, heute schreibt jeder, wie er will. Es ist natürlich reizvoll, diesen Gedanken noch weiter zu untersetzen. Aber mit Kartographie hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Darum soll dieser Beitrag auch hier sein Ende finden.

Werner Vigerske

Literatur und Abbildungen
Ken Alder: Das Mass der Welt, C. Bertelsmann 2003
Musée des Arts et Métiers, Paris.

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